Tierwelt

Schafe in Island: warum es im Sommer mehr Schafe als Menschen gibt

Im Winter leben in Island rund 345.000 Schafe, und damit sind die Menschen (etwa 390.000) in der Überzahl. Im Sommer, wenn auch die Lämmer auf den Weiden stehen, kommen grob zwei Schafe auf jeden Einwohner, und viele davon grasen direkt an der Straße.

Schafe in Island: warum es im Sommer mehr Schafe als Menschen gibt

Wer mit dem Camper durch Island fährt, sieht sie ständig: weiße, braune und schwarze Wollknäuel an den Hängen, in den Tälern und oft genug mitten auf der Fahrbahn. Schafe in Island gehören zur Landschaft wie Wasserfälle und Lavafelder, und der Spruch, auf der Insel lebten mehr Schafe als Menschen, stimmt tatsächlich, allerdings nur im Sommer.

Bei der Zählung im Winter 2024 kam das isländische Statistikamt auf rund 345.000 Schafe, so wenige wie seit den 1860er-Jahren nicht mehr. Das sind weniger als die rund 390.000 Einwohner. Im Frühjahr kommen dann die Lämmer zur Welt, und bis zum Herbst stehen grob zwei Schafe für jeden Menschen auf den Weiden.

Von der handgestrickten Lopapeysa bis zum Schafabtrieb im September: Die Schafe prägen das Leben auf dem Land bis heute. Wer ein wenig über sie weiß, sieht die Höfe und Weiden am Straßenrand mit anderen Augen und fährt in der Lämmerzeit automatisch etwas vorsichtiger.

Eine Schafherde grast in einem weiten grünen Tal zwischen steilen Bergen mit Schneeresten

Warum es in Island so viele Schafe gibt

Das kühle Klima und die weiten, offenen Weideflächen passen gut zu Schafen. Seit der Besiedlung vor über tausend Jahren leben die Bauern von ihrer Wolle, ihrem Fleisch und ihrer Milch. Die Höfe waren meist klein und lagen weit auseinander, und ohne Schafe hätten viele Familien weder warme Kleidung noch genug zu essen gehabt.

Islandschafe kommen mit rauem Gelände und schnell wechselndem Wetter gut zurecht. Sie nutzen Hänge, Täler und Hochebenen, auf denen sich kaum Ackerbau betreiben lässt. Die Schafhaltung war deshalb über Jahrhunderte die vernünftigste Art, das Land zu nutzen, und für viele Höfe ist sie es bis heute.

Das Islandschaf: eine alte Rasse aus dem Norden

Das Islandschaf kam mit den ersten nordischen Siedlern auf die Insel. Weil Island so isoliert liegt, hat sich die Rasse seitdem kaum verändert, und das merkt man ihr an:

  • Wolle mit zwei Schichten: Eine weiche Unterwolle hält die Wärme am Körper, das längere Deckhaar darüber lässt Regen und Schnee abperlen. Aus dieser Wolle, Lopi genannt, werden die typischen Islandpullover gestrickt.
  • Robust: Sturm, plötzliche Wetterumschwünge und Kälte, mit denen viele andere Rassen ihre Mühe hätten, stecken Islandschafe gut weg.
  • Freigänger: Während der Sommermonate ziehen viele Herden auf eigene Faust durch das Hochland und abgelegene Täler und suchen sich ihre Weideplätze selbst.
  • Viele Farben: Sie sehen weiße, schwarze, braune und gescheckte Tiere, nicht selten alle zusammen in einer Herde.

Bergsommer und Schafabtrieb: das Jahr der Islandschafe

Der Jahreslauf der Schafhaltung hat das Landleben in Island über Jahrhunderte bestimmt. Viele Bauern halten sich bis heute an den alten Rhythmus zwischen Bergweide und Tal.

  • Sommerweide: Im späten Frühjahr oder Frühsommer bringen die Bauern ihre Schafe auf die Bergweiden und Hochebenen. Dort verteilen sich die Tiere und grasen bis zum Herbst frei.
  • Réttir, der Schafabtrieb: Im Herbst, meist im September, holen die Bauern die Herden zurück. Zusammen mit Nachbarn und freiwilligen Helfern gehen sie zu Fuß oder reiten in die Berge, treiben die Schafe zusammen und sortieren sie in steinernen Pferchen nach ihren Besitzern.
  • Ein Fest fürs ganze Tal: Die Réttir sind harte Arbeit und zugleich ein Fest. Sind die Tiere sicher unten, wird gemeinsam gegessen, gesungen und gefeiert.
  • Der Winter: In der kalten Jahreszeit bleiben die Schafe auf geschützten Weiden und in Ställen nahe am Hof. Sie bekommen Heu aus dem Vorrat, und bei Sturm sehen die Bauern besonders häufig nach ihnen.

Schafe auf der Straße: so fahren Sie sicher

Für Autofahrer sind Islands Schafe vor allem ein Grund, langsamer zu fahren. Den ganzen Sommer über stehen Schafe und Lämmer immer wieder direkt am Straßenrand oder mitten auf der Fahrbahn, auch auf der Ringstraße. Zäune gibt es längst nicht überall, und wo welche stehen, finden die Tiere oft trotzdem eine Lücke.

Typisch für den isländischen Sommer ist diese Szene: Das Mutterschaf grast auf der einen Straßenseite, das Lamm auf der anderen. Kommt ein Auto, rennt das Lamm quer über die Straße zu seiner Mutter, oft erst im letzten Moment.

So reagieren Sie richtig:

  • Früh vom Gas gehen: Sobald Sie Schafe in Straßennähe sehen, werden Sie langsamer und bleiben bremsbereit. Mit den erlaubten 90 km/h auf Asphalt bleibt sonst kaum Zeit zu reagieren.
  • Beide Straßenseiten im Blick behalten: Steht links ein Schaf und rechts ein Lamm, rechnen Sie fest damit, dass eines der beiden losläuft. Fahren Sie dort nur sehr langsam vorbei.
  • Auf Schotter noch vorsichtiger sein: Auf losem Belag ist der Bremsweg länger, und 80 km/h sind dort das Höchsttempo, nicht die Empfehlung.
  • Für Fotos nicht auf der Straße halten: Fahren Sie bis zum nächsten Parkplatz oder in eine Haltebucht, statt auf der Fahrbahn stehen zu bleiben.

Mehr zu Tempolimits, Schotterstraßen und einspurigen Brücken lesen Sie in unserem Ratgeber Autofahren in Island.

Wo Sie Schafe in Island sehen

Außerhalb des Großraums Reykjavík begegnen Ihnen Schafe fast überall. Besonders gute Chancen haben Sie hier:

  • Weiden an der Straße: Auf den eingezäunten Wiesen entlang der Ringstraße und der kleineren Nebenstraßen grasen kleine Gruppen.
  • Täler an der Küste: Im fruchtbaren Tiefland im Süden und Westen liegen viele Familienhöfe mit eigenen Herden.
  • Hänge im Hochland: Im Sommer entdecken Sie weit über sich kleine weiße und braune Punkte. Das sind Schafe, die dort oben ohne Hirten unterwegs sind.

Auf den Nachbarweiden stehen nicht selten Islandpferde. Was diese Pferde so besonders macht, lesen Sie in unserem Ratgeber zum Islandpferd.

Drei Islandschafe auf einer goldgelben Wiese unter bewölktem Himmel, dahinter dunkle Berge

Was aus Islands Schafen entsteht

Vor allem die Wolle der Islandschafe begegnet Ihnen unterwegs auf Schritt und Tritt.

  • Lopapeysa: Der klassische Islandpullover mit der gemusterten Rundpasse wird aus unbehandelter Islandwolle gestrickt. Er wärmt, ohne schwer zu sein, und ist von Natur aus wasserabweisend.
  • Wollwaren: Decken, Mützen, Schals und Fäustlinge füllen kleine Handarbeitsläden und Designgeschäfte. Vieles davon entsteht auf dem Land, nicht weit von den Höfen.
  • Pflege mit Lanolin: Das natürliche Wollfett steckt in Cremes und Balsamen, die die Haut vor Kälte und Wind schützen.
  • Lammfleisch: Islandlamm steht im ganzen Land auf vielen Speisekarten.

Was Sie über Islands Schafe vielleicht noch nicht wussten

  • Die meisten Schafe sind markiert und registriert, damit jeder Bauer genau weiß, welche Tiere zu seinem Hof gehören.
  • Manche Schafe wandern im Sommer so weit, dass ihr Bauer sie erst bei den Réttir im Herbst wiedersieht.
  • In der isländischen Literatur und in Kindergeschichten tauchen Schafe immer wieder auf.
  • Springen im Frühjahr die ersten Lämmer über die Wiesen, gilt das vielen Isländern als Zeichen, dass der Winter endlich vorbei ist.

Mit Rücksicht unterwegs: Weiden und Gatter

Für die Bauern sind die Schafe ihr Lebensunterhalt. Mit ein paar einfachen Regeln schützen Sie die Tiere und sich selbst:

  • Nicht jagen, nicht füttern: Hektische Bewegungen oder der Versuch, ganz nah heranzukommen, stressen die Tiere und ärgern die Bauern.
  • Erst fragen, dann über den Zaun: Viele schöne Fotomotive liegen auf Privatland. Bitten Sie um Erlaubnis, bevor Sie einen Zaun oder ein Gatter passieren.
  • Gatter so lassen, wie Sie sie vorfinden: War ein Gatter zu, schließen Sie es hinter sich wieder. Stand es offen, lassen Sie es offen, damit die Tiere dorthin können, wo der Bauer sie haben will.
Schafe grasen auf Wiesen an einer Meeresbucht, im Hintergrund ein schroffer Berg in Island

Islands Schafkultur aus der Nähe

Wer mehr möchte als den Blick aus dem Camperfenster, hat dazu ein paar gute Möglichkeiten:

  • Zu den Réttir reisen: Im September haben Sie gute Chancen, einen Schafabtrieb mitzuerleben, und manchmal dürfen Besucher sogar mit anpacken. Die Termine kennen die örtlichen Touristeninformationen.
  • Einen Hof besuchen: Bei einem Hofbesuch sehen Sie, wie die Schafe versorgt werden und was aus ihrer Wolle wird.
  • Direkt bei den Herstellern kaufen: Kleine Werkstätten und Märkte im ganzen Land verkaufen Pullover, Decken und Handarbeiten aus heimischer Wolle, oft mit dem Namen des Hofs auf dem Etikett.

Der September lohnt sich auch für die Reisekasse: Eine Woche im Campervan 2 Persons Premium kostet dann nach unserer aktuellen Preisliste rund 85.000 ISK (≈ 625 €), deutlich weniger als im Juli oder August. Wie sich Wetter, Licht und Preise übers Jahr verändern, zeigt unser Ratgeber zur besten Reisezeit für Island.

Mehr als Nutztiere

Für viele Isländer verkörpern die Schafe, was auch ihr Land ausmacht: Sie sind zäh und kommen allein zurecht. Generationen von Familien haben lange Winter und magere Jahre nur dank ihrer Schafe überstanden.

Wenn Sie durch weite Täler oder über einsame Hochlandstrecken fahren, erinnern die kleinen Herden daran, dass sich Mensch und Tier hier seit über tausend Jahren gemeinsam durchschlagen.

Bevor Sie losfahren

Auf einer Reise durch Island teilen Sie Straßen und Landschaft mit Hunderttausenden Schafen. Schauen Sie am nächsten Aussichtspunkt ruhig einmal nach den wolligen Punkten an den Hängen, und fahren Sie langsamer, sobald welche am Straßenrand stehen.

Mit jeder Buchung bekommen Sie unseren kostenlosen Reiseplaner: Ihre Route Tag für Tag, mit echten Fahrzeiten und einem Campingplatz für jede Nacht. Wie so eine Strecke aussieht, zeigt unsere Island-Rundreise mit dem Camper. Wenn Sie die Schafe bald selbst am Straßenrand sehen möchten: Camper und Preise für Ihre Reisedaten finden Sie unter Wohnmobil mieten in Island.

Häufige Fragen zu Schafen in Island

Gibt es in Island wirklich mehr Schafe als Menschen?

Nur im Sommer. Im Winter zählt Island rund 345.000 Schafe und damit weniger als seine rund 390.000 Einwohner. Im Sommer, wenn auch die Lämmer auf den Weiden stehen, kommen grob zwei Schafe auf jeden Menschen.

Wann ist der Schafabtrieb in Island?

Die Réttir finden im Herbst statt, meist im September. Die genauen Termine sind von Ort zu Ort verschieden, fragen Sie am besten in der örtlichen Touristeninformation nach.

Warum stehen in Island so oft Schafe auf der Straße?

Im Sommer grasen viele Herden frei, und Zäune gibt es nicht überall. Oft steht das Mutterschaf auf der einen Straßenseite und das Lamm auf der anderen, und das Lamm rennt dann zu ihm hinüber. Fahren Sie langsamer, sobald Sie Schafe in Straßennähe sehen.

Was ist eine Lopapeysa?

Der klassische Islandpullover mit gemusterter Rundpasse, gestrickt aus Lopi, der unbehandelten Wolle des Islandschafs. Er wärmt, ohne schwer zu sein, und ist von Natur aus wasserabweisend.

Darf ich Schafe in Island füttern oder streicheln?

Besser nicht. Füttern und Hinterherlaufen stressen die Tiere, und die Weiden gehören den Bauern. Beobachten Sie die Schafe aus der Distanz und betreten Sie Weideland nur mit Erlaubnis.